Das Buch "Short Selling with the O'Neil Disciples" von Gil Morales und Chris Kacher, ehemaligen Portfolio Managern und Schülern von William O'Neil, zeigt systematische Ansätze für Leerverkäufe, auch außerhalb von Bärenmärkten (siehe auch https://aktienmagazin.de/blog/aktienanalysen/die-kunst-des-leerverkaufens-nach-gil-morales-und-chris-kacher-150146.html ).
Die Autoren betonen, dass jede Aktie Zyklen aus Aufstieg, Topbildung und Korrektur durchläuft. Besonders geeignet für Leerverkäufe sind ehemalige Marktführer bzw. Leaderaktien aus vorherigen Aufwärtstrends. Diese führenden Aktien, die Bullenmärkte mit massiven Kurssteigerungen anführten, weisen oft hohe Bewertungen auf und sind Teil eines "heißen Sektor" (z.B. Solaraktien in 2007, 3D-Aktien im Jahr 2012, Cannabis-Aktien im Jahr 2017/2018, Pandemie-Aktien im Jahr 2020/2021 etc.). Wenn diese Aktien nach einem anhaltenden Aufwärtstrend Schwächesignale zeigen, wie beispielsweise eine Schulter-Kopf-Schulter-Formation, Doppel Top, das Unterschreiten von wichtigen gleitenden Durchschnitten oder starkes Verkaufsvolumen, werden sie zu erstklassigen Kandidaten für Leerverkäufe.
Das Buch nennt sechs Grundprinzipien: den aktuellen Marktzyklus kennen, sich auf ehemalige Leaderaktien konzentrieren, den richtigen Einstiegszeitpunkt acht bis zwölf Wochen nach dem Hoch abwarten, auf ausreichende Liquidität achten, Verluste bei drei bis fünf Prozent begrenzen und Gewinne bei 20 bis 30 Prozent realisieren.
Hinsichtlich der Mechanik des "Short Sellings" unterscheiden sich Kacher & Morales von vielen Shortseller. So shorten die beiden Autoren lieber in Erholungsrallyes hinein (z. B. eine Rallye zurück zu einem gleitenden Durchschnitt), während viele Shortseller auf den Bruch von Unterstützungen warten, um eine Short-Position zu eröffnen.
Zwei Einstiegsarten, die die Autoren praktizieren:
- "Wedging Rally" (Keilförmige Rallye): Nach einem vorherigen Abwärtstrend erholt sich die Aktie bei sinkendem Volumen. Die Preistrendlinie steigt, während die Volumentrendlinie fällt. Oftmals sind es Anstiege zurück zu dem gleitenden 20-, 50- oder 200 Tagedurchschnitt oder zurück an eine vorherige Unterstützungslinie, die nun zum Widerstand geworden ist. Diese "wedging rallies" unter abnehmenden Volumen sind Anzeichen für schwaches Käuferinteresse. Eine Aktie mit so einem Chartverhalten gehört auf die "Short Selling" Watchliste. Sobald die Aktie von der erwähnten Tagelinie oder dem Widerstand abprallt und nach unten fällt, eröffnet man die Leerverkaufsposition.
- "Bear Flag" (Bärenflagge): Nach einem Rückgang konsolidiert der Kurs leicht steigend in Form einer Flagge. In diesem Moment sollte man sich die Aktie auf die "short selling"-Watchliste legen. Sobald die Aktie die Bärenflagge nach unten durchbricht, ist der ideale Zeitpunkt gekommen, um eine Short-Position aufzubauen.
Insgesamt vermittelt das Buch, dass erfolgreiches Leerverkaufen Geduld, Disziplin und striktes Risikomanagement erfordert.
Schauen wir uns im aktuellen Marktumfeld drei sich ausbildende "Short"-Setups von Leaderaktien genauer an.
Bloom Energy – Mögliche "Late Stage Failed Base" nach +1300 % Performance in 12 Monaten
Bloom Energy (BE) zählt zu den führenden Anbietern von Festoxid-Brennstoffzellen und profitiert vom wachsenden Strombedarf durch Rechenzentren.
Das 2001 in Kalifornien gegründete Unternehmen stellt stationäre Brennstoffzellen her, die Erdgas oder Wasserstoff direkt vor Ort in Strom umwandeln, ohne Verbrennung. Das Hauptprodukt ist die Bloom Energy Server-Plattform, ergänzt durch langfristige Serviceverträge. Kunden sind unter anderem Rechenzentrumsbetreiber, Versorger und Industrieunternehmen.
Die übergeordnete Story ist der Energiehunger der Künstlichen Intelligenz: Da das Stromnetz nicht mit dem Ausbau der Rechenzentren Schritt hält, setzen Betreiber verstärkt auf dezentrale Stromerzeugung.
Im April 2026 erweiterte Bloom seine Partnerschaft mit Oracle auf bis zu 2,8 Gigawatt. Die zuletzt veröffentlichten Quartalszahlen vom 28. April 2026 zeigten einen Rekordumsatz von 751,1 Millionen US-Dollar, ein Plus von 130 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Der bereinigte Gewinn je Aktie stieg auf 0,44 US-Dollar von 0,03 US-Dollar. Das Management hob die Jahresprognose deutlich an, auf ein Umsatzwachstum von rund 80 Prozent.
Charttechnisch sieht es nach einer möglichen Topbildung aus, nachdem die Aktie über 1300 Prozent in zwölf Monaten zulegen konnte. Im Jargon von Kacher & Morales würde es sich wohl um ein sogenanntes "Late Stage Failed Base" (LSFB) Setup handeln. Auf Deutsch kann man dieses Setup als eine im späteren Aufwärtstrend der Aktie stattfindende Seitwärtskonsolidierung mit Fehlausbruch am 18. Juni bezeichnen. Dazu kommt, dass Bloom Energy nach dem Fehlausbruch schnell an Fahrt in Richtung Süden aufgenommen hat und unter den 50 Tagesdurchschnitt gefallen ist. Dies passierte unter erhöhtem Handelsvolumen (Distribution). All dies sind Anzeichen für einen "Short"-Kandidaten.
Idealerweise sehen wir nun eine kurzfristige Rallye zurück zu einem der fallenden gleitenden Durchschnitte (GD) wie dem 20 GD oder dem 50 GD. Damit würde die Aktie erstens eine Bärenflagge formen, und zweitens würde der entsprechende GD als guter Widerstand dienen.

Quelle: Wachstums-Check TraderFox
Flex – Einer der größten Auftragsfertigern für Elektronik mit "Triple Top"- Setup
Flex Ltd. (FLEX), gegründet 1969 im Silicon Valley als Flextronics, zählt zu den größten Auftragsfertigern für Elektronik weltweit.
Flex verdient sein Geld als Auftragsfertiger für Elektronik (sogenannte "Electronic Manufacturing Services" bzw. Elektronikfertigungsdienstleistungen). Kunden aus Technologie, Gesundheitswesen, Automobil und Industrie lagern Entwicklung, Produktion und Logistik ihrer Geräte an Flex aus. Das Geschäft gliedert sich in drei Segmente: "Reliability Solutions" bedient Gesundheitswesen, Automobil und Industrie mit hohen Qualitätsanforderungen. "Agility Solutions" deckt schnelllebige Konsumgüter und Kommunikationstechnik ab. Am stärksten wächst "Cloud and Power Infrastructure", das komplette Strom-, Kühl- und Rechnereinheiten für Rechenzentren liefert. Damit verdient Flex nicht nur an der reinen Fertigung, sondern zunehmend an komplexen, margenstärkeren Infrastrukturlösungen für Hyperscaler.
Treiber ist der massive Energiehunger der Rechenzentren für Künstliche Intelligenz, der die Nachfrage nach Stromtechnik strukturell antreibt.
Am 5. Mai 2026 meldete Flex die Zahlen für das vierte Quartal des Geschäftsjahres 2026: Der Umsatz stieg um 17 Prozent auf 7,5 Milliarden US-Dollar und übertraf die Erwartungen der Wall Street deutlich. Der bereinigte Gewinn je Aktie lag bei 0,93 US-Dollar und damit 27 Prozent über dem Vorjahr und ebenfalls oberhalb der Konsensschätzung. Zudem kündigte das Unternehmen die Abspaltung seiner Cloud- und Stromsparte in ein eigenständiges, separat börsennotiertes Unternehmen an. Das elektrisierte die Märkte. Die Aktie schoss an diesem Tag um 40 Prozent nach oben.
Im Juni hat sie ein "Triple Top" ausgebildet, nachdem die Aktie in den letzten zwölf Monaten um 220 Prozent zulegen konnte. Anschließend ist sie unter erhöhtem Volumen nach unten weggebrochen und unter den 50 GD gefallen. Aktuell ist sie dabei eine Bärenflagge auszubilden. Unter dem Tief von Montag bietet es sich an eine "Short"-Position mit Stopp über dem Hoch von gestern zu eröffnen.

Quelle: Wachstums-Check TraderFox
Keysight Technologies - Führender Anbietern elektronischer Mess- und Testtechnik mit "Late Stage Failed Base"-Setup und Bärenflagge
Keysight Technologies (KEYS) zählt zu den führenden Anbietern elektronischer Mess- und Testtechnik weltweit. Das Unternehmen entstand 2014 als Ausgliederung aus Agilent Technologies und geht ursprünglich auf die Wurzeln von Hewlett-Packard zurück.
Das Geschäftsmodell gliedert sich in zwei Segmente. Die "Communications Solutions Group" liefert Testlösungen für Netzwerktechnik, Halbleiter und Verteidigung. Die "Electronic Industrial Solutions Group" deckt Messgeräte für Elektronikfertigung und Industrie ab.
Treiber ist aktuell der Ausbau der Rechenzentrumsinfrastruktur für Künstliche Intelligenz, da komplexe Chipverbindungen aufwendige Tests benötigen.
Am 19. Mai 2026 meldete Keysight für das zweite Fiskalquartal einen Umsatz von 1,72 Milliarden US-Dollar, ein Plus von 31 Prozent gegenüber dem Vorjahr und über den Erwartungen. Der bereinigte Gewinn je Aktie stieg auf 2,87 US-Dollar von 1,70 US-Dollar.
Der Chart erweckt den Eindruck einer "Late Stage Failed Base", nachdem die Aktie in den letzten zwölf Monaten eine Performance von 130 Prozent gezeigt hat. Am 22. Juni kam es zu einem Breakout, der am Folgetag durch ein Gap Down reversiert wurde. Seitdem hat die Aktie schnell an Fahrt in Richtung Süden aufgenommen hat und ist unter den 50 Tagesdurchschnitt gefallen. Dies passierte unter erhöhtem Handelsvolumen. Aktuell bildet die Aktie eine Bärenflagge aus. Am Montag kam sie zurück zum 20 GD, an dem sie nach unten wegdrehte. Gestern sahen wir einen Innenstab mit Schlusskurs in der unteren Tageshälfte. Das ist konstruktiv für einen Leerverkauf. Unter dem Tief von Montag kann eine "Short"-Position eröffnet werden mit Stopp über dem Hoch vom Montag.







