Goldman Sachs rechnet im neuen Jahr mit steigenden Kursen in Europa. Besonders viel Potenzial wittert die US-Investmentbank bei vier Basis-Trends. TraderFox berichtet und stellt diese Wetten vor.
In einer aktuellen Studie gibt Goldman Sachs einen Ausblick zu den Aussichten an den Börsen in Europa im Jahr 2026 ab. Der Vorhersage zufolge erwartet die US-Investmentbank in diesem Jahr moderate positive Renditen von europäischen Aktien. Das Zwölfmonats-Kursziel für den STOXX 600 Index beträgt 625 Punkte, was einen Kursanstieg von 5% unterstellt sowie inklusive der erwarteten Kapitalrückzahlungen an die Aktionäre von 8%.
Die Vorhersage basiert auf der Annahme eines soliden globalen Wachstums, was mit einem Anstieg des Gewinns je Aktie von 5% im laufenden Jahr und von 7% im kommenden Jahr einhergehen dürfte. Die hausinternen Prognosen für einen stärkeren Euro und einen niedrigeren Ölpreis wirken sich belastend auf die Ergebnisschätzungen für 2026 aus, jedoch soll dieser Effekt im Jahr 2027 nachlassen.
Goldman Sachs sieht nur begrenzten Spielraum für eine Ausweitung der Bewertung, da der Markt mit einem KGV von 14,9x für 2026 gehandelt wird, was dem 71. Perzentil der Historie entspricht. Dennoch hält man es für wahrscheinlicher, dass der Bewertungsmultiplikator eher weiter steigt als sinkt, da die makroökonomischen Rahmenbedingungen günstig bleiben und weiterhin ein großer Bewertungsabschlag gegenüber den USA besteht.
Europa mit relativem Bewertungsvorteil gemessen am PEG-Verhältnis (KGV der nächsten 12 Monate geteilt durch das Ergebniswachstum je Aktie in den darauffolgenden 12 Monaten

In Gesprächen mit Kunden aus den USA stellt die US-Investmentbank zudem ein wachsendes Interesse an einer globalen Diversifizierung fest, wobei die US-Investoren Europa vor allem unter Value-Gesichtspunkten betrachten. Allgemein gesehen bleibt die Positionierung in Europa nach den anhaltenden Verkäufen in den Jahren 2022 bis 2024 gering, so das Urteil.
Vier übergeordnete Basis-Wetten für das neue Jahr
Am spannendsten an dem Ausblick ist, mit welchen Wetten auf Branchenebene Goldman Sachs in Europa an den Start geht. Die US-Investmentbank versucht demnach mit vier Ansätzen den Gesamtmarkt zu schlagen. Welche das sind, stellen wir nachfolgend vor.
Basis-Trade Nr. 1: Zykliker
Ein starkes globales Wachstum dürfte europäische Zykliker unterstützen. Nach Ansicht von Goldman Sachs winkt bei Zyklikern eine Outperformance, da Europa wie bereits eingangs erwähnt in eine Phase des beschleunigten Gewinnwachstums eintritt, das sich von 0% im Jahr 2025 auf 5% im Jahr 2026 und 7% im Jahr 2027 steigern sollte. Die Bewertungen sind im relativen Vergleich attraktiv: Der STOXX 600 wird mit einem KGV von 15x gehandelt, was einen erheblichen Abschlag zum S&P 500 und anderen Anlageklassen darstellt.
Konkret empfiehlt man eine Übergewichtung der Sektoren Banken, Finanzdienstleistungen und Technologie, um das Aufwärtspotenzial durch die wirtschaftliche Erholung, die Einführung von KI (Künstliche Intelligenz) und regulatorischen Rückenwind zu nutzen.
Zudem rät man zu Long-Positionen in den Bereichen staatliche Infrastruktur, Verteidigung und Luftfahrt. Aktien aus diesen Bereichen bieten ein breites Engagement in Sektoren, die von erhöhten Staatsausgaben profitieren sollten.
Die Zusammensetzung des Aktienkorbs mit den Profiteuren von staatlichen Infrastrukturausgaben im Einzelnen

Darüber hinaus favorisiert das US-Institut Long-Positionen in europäischen Nebenwerten im Vergleich zu Standardwerten (Small vs. Large Caps). Nebenwerte sind zyklischer, werden mit einem historischen Abschlag gehandelt und sind gut positioniert, um von einer Erholung zu profitieren.
Bei Quality-Aktien, also Titeln mit hoher Qualität und stabilen Bilanzen, bleibt Goldman Sachs neutral gestimmt. Diese Aktien seien zwar günstiger geworden, aber die makroökonomischen Bedingungen sprechen derzeit noch nicht für eine Rückkehr zu diesem Anlagestil, so das Urteil.
Basis-Trade Nr. 2: Binnenwirtschaftliche Widerstandsfähigkeit
Europäische Binnenwerte erscheinen gegenüber Währungsgegenwind isoliert, da ein Anstieg des EUR/USD-Kurses auf 1,25 innerhalb von 12 Monaten erwartet wird. Diese Unternehmen profitieren von lokalen Staats- und Verteidigungsausgaben und sind der globalen Volatilität weniger ausgesetzt.
Eine Diversifizierung weg von teuren, konzentrierten US-Aktien ist aus Sicht von Goldman Sachs zunehmend attraktiv, insbesondere für Anleger auf USD-Basis. Die Positionierung in Europa bleibt gering, was auf weiteres Aufwärtspotenzial hindeutet, sobald internationale Kapitalströme zurückkehren.
Goldman Sachs empfiehlt Long-Positionen in binnenwirtschaftlich orientierten Titeln im Vergleich zu Werten mit US-Engagement, um das Währungsrisiko zu reduzieren und lokale Wachstumsfaktoren zu nutzen.
Die Zusammensetzung des Aktienkorbs mit den für binnenwirtschaftlich orientierten Werten der Eurozone im Einzelnen

Zudem rät man zu Long-Positionen im Bereich staatliche Infrastruktur mit Fokus auf Sektoren mit hohem europäischem Umsatzanteil wie Bauwesen, Industrie, erneuerbare Energien und Telekommunikation.
Darüber hinaus favorisiert man Long-Positionen in europäischen Nebenwerten gegenüber Standardwerten. Small Caps sind stärker binnenwirtschaftlich orientiert und profitieren von einer Aufwertung des Euro, stabilen Zinsen sowie zunehmenden M&A-Aktivitäten, also von Fusionen und Übernahmen.
Meiden sollte man laut dem US-Institut hingegen die Sektoren Automobile, Chemie und Energie, da anhaltende strukturelle Herausforderungen und der chinesische Wettbewerb diese Branchen weiterhin belasten.
Basis-Trade Nr. 3: Künstliche Intelligenz
Künstliche Intelligenz (KI) bleibt laut Goldman Sachs ein zentraler Treiber für die globale Aktienentwicklung, wobei die hohe Streuung der Kursverläufe Chancen für aktive Manager eröffnet. Es ist davon auszugehen, dass Unternehmen mit hohen Lohnkosten am besten positioniert sind, um von der Automatisierung und der Einführung von AI zu profitieren, insbesondere da das Beschäftigungswachstum hinter dem Wirtschaftswachstum zurückbleibt.
Bei der Positionierung empfiehlt sich den gemachten Angaben zufolge eine Long-Position bei Aktien von Unternehmen mit hohen Lohnkosten. Denn diese sind auf eine wirtschaftliche Verbesserung im nächsten Jahr sowie ein verlangsamtes Lohnwachstum ausgerichtet und haben zudem am meisten von arbeitssparenden Technologien zu profitieren - vor allem in den Bereichen Industrie, Bauwesen und Technologie.
Die Zusammensetzung des Aktienkorbs von Unternehmen mit hohen Lohnkosten und die von Automatisierung und AI-gesteuerten Kosteneinsparungen profitieren werden

Zudem erscheint eine Übergewichtung der Sektoren Finanzen und Telekommunikation sinnvoll. Die durch AI entstehenden Möglichkeiten reichen weit über den Technologiesektor hinaus, da insbesondere Finanzdienstleister, Telekommunikationsunternehmen und der Dienstleistungssektor vor erheblichen Produktivitätsgewinnen stehen.
Telekommunikationsanbieter sollten zusätzlich von Konsolidierungen, dem Glasfaserausbau und einer Ausweitung der Margen profitieren. Goldman Sachs Global Banking & Markets hat hierfür einen speziellen Korb für KI-Produktivitätsgewinner entwickelt. Dieser umfasst Unternehmen aus den Bereichen Banken, Versicherungen, Einzelhandel, Logistik und Telekommunikation, die AI bereits aktiv implementieren.
Basis-Trade Nr. 4: Erhöhte Kapitalmarktaktivität
Eine erhöhte Kapitalmarktaktivität (M&A, also Fusionen und Übernahmen, sowie Neuemissionen dürfte laut Goldman Sachs das Börsengeschehen in Europa beflügeln.
Bei der Positionierung rät man hier dazu beim STOXX Small Caps Index long zu gehen verglichen mit dem Large Cap Index. Denn dem Urteil zufolge sind geringer kapitalisierte Unternehmen darauf ausgerichtet, eine Outperformance zu erzielen, gestützt durch inländisches Wachstum, stabile Zinssätze, steigende M&A-Aktivitäten sowie günstige Währungs- und Ölpreis-Trends. Sie werden zudem mit einem historischen Abschlag gehandelt und sind attraktiv für Übernahmen durch Finanzinvestoren und Unternehmen.
Der nächste Tipp ist es, konkret einen Fokus auf M&A-Kandidaten zu legen. So lässt sich, wie es heißt, am Aufwärtspotenzial durch eine erhöhte Transaktionsaktivität und Unternehmenstransaktionen partizipieren.
Geraten wird auch zu einer Übergewichtung alternativer Asset Manager. Diese sollen von einem Neustart der Kapitalmarktaktivität und einem erhöhten Transaktionsfluss begünstigt werden.
Die favorisierten alternativen Asset-Manager im Überblick

Quellen: Bloomberg, Goldman Sachs Global Investment Research






