Der deutsche Aktienmarkt ist mit Schwung in das neue Jahr gestartet. Erstmals in seiner 37-jährigen Geschichte ist der DAX über die Marke von 25.000 Punkten gestiegen und hat damit einen neuen Höchststand erreicht. Dabei handelt es sich aber nicht um einen flächendeckenden Boom, sondern um eine selektive Rekordrally. Der historische Indexstand verdeckt erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Aktien und rückt zentrale Fragen zur Bewertung, zur Nachhaltigkeit des Anstiegs und zu den tatsächlichen Kurstreibern in den Mittelpunkt.
Seit 2002 ist der DAX um mehr als 1.000 % gestiegen
Der Weg zu diesem Rekord war von starken Schwankungen geprägt. Seit seinem Start im Jahr 1988 bei 1.000 Punkten erlebte der DAX mehrere Boom- und Krisenphasen. Nach der anfänglichen Verdopplung folgte in den späten 1990er-Jahren der Höhenflug der Telekom- und Internetaktien, der den Index Anfang 2000 auf das Vierfache seines Ausgangsniveaus trieb. Danach kam es zur heftigsten Talfahrt der Indexgeschichte: Zwischen März 2000 und März 2003 brach der DAX um 75 % auf 2.188 Punkte ein. Wer diese Phase aussitzen konnte, wurde langfristig entschädigt. Heute notiert der Leitindex mehr als 1.000 % über dem Niveau der Börsentristesse vor knapp 23 Jahren.
KGV liegt aktuell 10 % über dem langfristigen Durchschnitt
Der neue Rekord wirft dennoch die Frage nach der Bewertung auf. Das gegenwärtige KGV des DAX liegt bei 15,7 und damit rund 10 % über dem langfristigen Durchschnitt seit 1988 sowie etwa 25 % über dem 20-Jahres-Mittel. Auffällig ist zudem, dass der Rekordstand kaum von flächendeckenden Höchstkursen getragen wird. Derzeit notieren lediglich zwei der 40 DAX-Aktien auf Allzeithoch: Heidelberg Materials und Siemens Energy. Gleichzeitig liegen 23 Titel mehr als 30 % unter ihren Rekordständen, 14 davon sogar über 50 %. Der scheinbare Widerspruch erklärt sich aus der Konstruktion des DAX als Performance-Index. Dividenden werden rechnerisch reinvestiert und treiben den Indexstand, während sie in den Kursen der Einzelaktien nicht sichtbar sind. Seit 1988 stammen rund 62,5 % der gesamten DAX-Rendite aus Dividenden, lediglich 37,5 % aus Kursgewinnen.
Heidelberg Materials ist einer der wenigen DAX-Werte auf Allzeithoch
Zu den wichtigsten Treibern des jüngsten Indexanstiegs zählten Aktien, die entweder neue Rekordstände erreichten oder diesen sehr nahe kamen. Besonders ins Gewicht fiel die Entwicklung von Heidelberg Materials, einem der beiden einzigen DAX-Werte auf Höchstständen. Der Titel profitierte direkt von der Logik des Performance-Index: Steigende Kurse entfalten im DAX eine überproportionale Wirkung, wenn parallel hohe Ausschüttungen rechnerisch reinvestiert werden. Auch E.ON wirkte stabilisierend. Der Versorger gehört zu den DAX-Konzernen mit kontinuierlichen Gewinnausschüttungen und zählt damit zu jenen Titeln, deren Dividenden seit Jahren einen wesentlichen Beitrag zur Indexentwicklung leisten. In einer Phase stagnierender Konzerngewinne im Gesamtindex verstärkte diese Eigenschaft den Einfluss der Aktie auf den DAX.
Die Hoffnung auf erneute Prüfung der Glyphosat-Verfahren verlieh Bayer in den letzten Wochen Aufschwung
Ebenfalls maßgeblich war die Entwicklung von Siemens Energy. Die Aktie notiert ebenfalls auf Rekordniveau und gehört damit in die Riege der wenigen Unternehmen, die den Index in den letzten Wochen unmittelbar nach oben zogen. Seit dem Aufstieg in den DAX im Jahr 2021 weist Siemens Energy eine der höchsten jährlichen Kurssteigerungen im Durchschnitt auf. Ergänzt wurde diese Bewegung durch Bayer. Zwar liegt die Aktie weiterhin deutlich unter früheren Höchstständen, doch zuletzt sorgten konkrete juristische Entwicklungen in den USA für Entlastung auf der Bewertungsseite. Die Aussicht auf eine erneute Einstufung zentraler Glyphosat-Verfahren durch den Supreme Court verbesserte die Markterwartungen spürbar und reichte aus, um dem Index zusätzlichen Auftrieb zu geben.
Fazit
Der Sprung über 25.000 Punkte ist damit weniger Ausdruck einer breiten Euphorie als das Ergebnis gezielter Kapitalströme, hoher Dividenden und weniger dominanter Gewinner. Der Rekord zeigt die Stärke des DAX als Performance-Index, legt aber zugleich seine Verzerrungen offen. Für DAX-Investoren folgt daraus die Notwendigkeit zur Differenzierung zwischen Indexrekord und Aktienrealität.






