Ford (F) stellt seine Elektrostrategie neu auf und setzt nicht länger auf teure Prestige-Modelle, sondern auf bezahlbare Technik, hohe Stückzahlen und reale Nutzerszenarien. Mit einem geplanten 30.000 USD-EV, einer neuen Universal-Plattform, Level-3-Autonomie ab 2028 und dem weiterentwickelten F-150 Lightning EREV startet der Konzern einen zweiten, deutlich fokussierteren Anlauf im Elektrozeitalter und könnte damit eine der spannendsten Turnaround-Geschichten der Branche schreiben.
Auf der Suche nach Anschluss im Elektrozeitalter
Ford hat in den letzten Jahren viel Lehrgeld gezahlt, um im Elektrozeitalter nicht den Anschluss zu verlieren. Mehrfach wechselte die EV-Strategie, Projekte wurden angeschoben und wieder zurückgefahren, dazu kamen Qualitäts- und Produktionsprobleme, unterm Strich Sonderaufwendungen von rund 19,5 Mrd. USD im Zusammenhang mit Restrukturierung und EV-Rückzug. Mit dem Ford+-Plan stellt sich der Konzern nun breiter auf. "Model e" für Elektro, "Ford Blue" für Verbrenner und Hybride, "Ford Pro" für Nutzfahrzeuge und Software. Ziel ist nicht mehr E-Auto-Wachstum um jeden Preis, sondern profitables Wachstum mit klar fokussierten Zielgruppen.
Das 30.000 USD-Elektrofahrzeug – Volumen statt Luxus-Showcase
Herzstück der neuen Ausrichtung ist ein voll elektrisches Fahrzeug für etwa 30.000 USD, das ab 2027/2028 kommen soll, voraussichtlich ein mittelgroßer Pickup. Anders als viele Konkurrenten bringt Ford seine neueste Technik damit nicht zuerst in ein 100.000 USD Showcar, sondern in ein Volumenmodell. Rund 5 Mrd. USD investiert das Unternehmen in US-Werke, um die Fahrzeuge und Batterien zu bauen. Ein massentauglicher Preis, klare Nutzbarkeit und niedrige Herstellkosten sollen zeigen, dass E-Mobilität und vernünftige Margen zusammengehen können.
Eyes-Off ab 2028 – Level 3 für den Massenmarkt
Parallel dazu plant Ford ab 2028 ein "Eyes-Off"-System der Stufe 3, das dem Fahrer auf bestimmten Autobahnabschnitten erlaubt, Hände und Augen von der Straße zu nehmen. Technisch basiert es auf einer Sensorik-Suite und eigener Software, preislich soll es als Abo oder Einmal-Option buchbar sein. Bemerkenswert ist, dass Ford diese Technik nicht einem Luxusmodell vorbehält, sondern sie Schritt für Schritt über erschwingliche Fahrzeuge ausrollen will. Damit wird autonomes Fahren nicht nur Prestige, sondern potenziell ein breit skalierbares Feature und eine zusätzliche Einnahmequelle.
Universal EV Plattform – weniger Teile, weniger Kosten, mehr Tempo
Die neue Universal EV Plattform ist die technische Basis für Fords künftige kleinere, effizientere Stromer. Sie soll die Teilezahl im Vergleich zu heutigen Fahrzeugen um etwa 20 % senken, die Zahl der Befestigungselemente um 25 %, die Arbeitsstationen in der Produktion um 40 % reduzieren und die Montage um rund 15 % beschleunigen. Diese Architektur ermöglicht verschiedene Karosserieformen auf einer gemeinsamen Basis und drückt gleichzeitig Fertigungs- und Komplexitätskosten. Für Ford ist das der Schlüssel, um mehrere bezahlbare EV-Modelle auf eine Plattform zu stellen und trotzdem die Marge im Blick zu behalten.
Absatz 2025 – Trucks und Hybride als Wachstumstreiber
Operativ lief 2025 deutlich besser. Fords Absatz stieg um 6 % auf rund 2,2 Mio. Fahrzeuge, der Marktanteil auf 13,2 %, das beste Jahr seit 2019. Die F-Serie bleibt mit gut 828.000 Einheiten Amerikas meistverkaufter Pickup und zugleich meistverkauftes Fahrzeug. Der günstige Maverick legte mit etwa 155.000 verkauften Pickups ein Rekordjahr hin, Explorer, Bronco und Transit setzten ebenfalls Bestmarken. Besonders stark wuchsen die Hybride. Über 228.000 Hybrid- und Plug-in-Hybridmodelle, ein Plus von gut 22 %. Diese Zahlen zeigen deutlich, worauf Ford baut. Starke Truck- und SUV-Plattformen, kombiniert mit mehr Hybridvarianten und einer Auswahl an Antriebsarten.
F-150 Lightning EREV – Elektro-Power mit über 1.100 km Reichweite
Mit dem neuen F-150 Lightning EREV definiert Ford seinen Elektro-Pickup neu. Der Wagen wird zu 100 % elektrisch angetrieben, erhält aber einen Generator, der für eine kombinierte Reichweite von über 1.100 Kilometern sorgt. Für Kunden bedeutet das ein volles Elektro-Fahrgefühl mit kräftigem Drehmoment und leisem Lauf, aber ohne ständiges Nachladen, selbst beim Ziehen schwerer Anhänger oder auf langen Strecken. Wie der bisherige Lightning kann auch die EREV-Variante Strom nach außen liefern, etwa für Baustellen oder als Notstrom. Die Produktion der aktuellen reinen BEV-Version wird eingestellt, der Fokus wandert auf dieses "Best of both worlds"-Konzept, das besser zum Nutzungsprofil vieler Pickup-Kunden passt.
Zwischen Risikoabbau und neuer EV-Chance
Ford zieht die Reißleine bei teuren, wenig profitablen Elektroprojekten und startet gleichzeitig einen zweiten, strukturierteren Anlauf in Richtung EV und Autonomie. Mit einem 30.000 USD-Stromer, der Universal EV Plattform, dem Eyes-Off-System und dem F-150 Lightning EREV setzt der Konzern auf bezahlbare Technik, echte Alltagstauglichkeit und Margenfokus statt reiner Imageprodukte. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob Ford den Spagat zwischen Umbau, Investitionen und Gewinnzielen schafft. Gelingt er, könnte aus dem aktuellen Umbau eine der spannendsten Turnaround-Stories im Autosektor werden.









