NVIDIA erweitert sein Geschäftsmodell konsequent über das klassische Chipdesign hinaus. Auf der CES in Las Vegas konkretisierte der Konzern Anfang Januar seine Pläne, KI nicht nur als Rechenleistung für Rechenzentren und Cloud-Anwendungen bereitzustellen, sondern als zentrale Steuerungstechnologie für autonomes Fahren zu etablieren. Mit dem angekündigten Einstieg in den Robotaxi-Markt ab 2027 adressiert NVIDIA einen Anwendungsbereich, der hohe Rechenleistung, komplexe Sensordatenverarbeitung und skalierbare Softwareplattformen vereint.
Jensen Huang: 1 Mrd. autonom fahrender Autos auf den Straßen
Konkret will NVIDIA bereits im kommenden Jahr gemeinsam mit einem Partner einen Robotaxi-Dienst auf Basis der eigenen Hard- und Softwaretechnologie starten. Konzernchef Jensen Huang unterstrich auf der Consumer Electronics Show, dass autonome Fahrzeuge Verkehrssituationen nicht regelbasiert, sondern kontextuell erfassen und Entscheidungen ähnlich wie ein menschlicher Fahrer treffen sollen. Die Perspektive reicht dabei über gewerbliche Flotten hinaus: Zwischen 2028 und 2030 soll die Technologie auch in Privatfahrzeuge integriert werden. "Wir stellen uns vor, dass eines Tages eine Milliarde Autos auf den Straßen autonom fahren werden", sagte Huang. NVIDIA arbeite parallel mit mehreren Industriepartnern an der Umsetzung dieser Vision.
Lasersensoren sollen eine menschliche Überwachung überflüssig machen
Wie weit die Systeme bereits entwickelt sind, demonstrierte NVIDIA wenige Wochen vor der Messe gemeinsam mit Mercedes-Benz im realen Straßenverkehr. Ein Serienfahrzeug des neuen CLA-Modells navigierte selbstständig durch San Francisco, beachtete Vorfahrtsregeln, Ampeln, Verkehrsschilder und Fußgänger und bewertete komplexe urbane Situationen, etwa, ob Passanten die Straße überqueren oder lediglich am Gehweg warten. Während der rund 45-minütigen Testfahrt musste ein anwesender Sicherheitsfahrer lediglich in zwei Fällen eingreifen. Technisch basiert das System auf zehn Kameras und fünf Radarsensoren und erreicht damit autonomes Fahren auf Level 2+. Für das geplante Robotaxi geht NVIDIA einen Schritt weiter und setzt zusätzlich auf Lasersensoren. Dank dieser sogenannten Lidare, die das Umfeld dreidimensional erfassen, soll eine permanente menschliche Überwachung nicht mehr notwendig sein. Damit strebt NVIDIA autonomes Fahren auf Level 4 an. In den kommenden Jahren sollen Technik und Software in Fahrzeuge verschiedener Hersteller integriert werden. Mit diesem Ansatz grenzt sich NVIDIA klar von Tesla ab, das weiterhin ausschließlich auf kamerabasierte Systeme setzt und bewusst auf zusätzliche Sensorik verzichtet.
NVIDIA will Waymos technologische Vorreiterschaft in Frage stellen
Der Wettbewerb auf dem Markt für autonome Mobilität verschärft sich erheblich. Als technologisch führend gilt bislang die Google-Tochter Waymo, die in mehreren US-Städten rund 2.500 fahrerlose Robotaxis betreibt. Die neuen Ankündigungen auf der CES verdeutlichen jedoch, dass der Markt in eine Phase zunehmender Dynamik eintritt. So präsentierte auch der Fahrdienstvermittler Uber gemeinsam mit Lucid das Modell "Gravity", ein speziell für autonome Einsätze ausgelegtes Elektrofahrzeug, das bereits Ende dieses Jahres im Raum San Francisco als Robotaxi eingesetzt werden soll. Gesteuert werden die Fahrzeuge von der Software des US-Entwicklers Nuro. Uber hat nach Angaben von Lucid-Interimschef Marc Winterhoff 20.000 Fahrzeuge geordert. Dieses Volumen sei jedoch erst der Anfang. Der Markt für Robotaxis könne in fünf Jahren allein für Lucid bei Hunderttausenden Fahrzeugen pro Jahr liegen, sagte Winterhoff. Auch andere Anbieter sind bereits sichtbar: In Las Vegas fahren autonome Fahrzeuge ohne Lenkrad und Pedale der Amazon-Tochter Zoox. Zudem stellte der deutsche Zulieferer Bosch auf der Messe seine Systeme für automatisiertes Fahren vor, die unter anderem beim Partner Volkswagen erprobt werden, wie Bosch-Digitalchefin Tanja Rückert erläuterte.
Das neue Chipsystem Vera Rubin bietet einen zehnmal höhere Effizienz als die aktuelle Blackwell-Generation
Neben autonomen Fahrsystemen nutzte NVIDIA die CES, um auch technologisch nachzulegen. Der Konzern kündigte den Produktionsstart seines neuen Chipsystems "Vera Rubin" an, das noch in diesem Jahr auf den Markt kommen soll. Vera Rubin soll die Leistung der aktuellen Generation "Blackwell" um den Faktor 10 übertreffen. "Auf diese Weise konnten wir eine so gigantische Leistungssteigerung erzielen, obwohl wir nur die 1,6-fache Anzahl an Transistoren haben", sagte Huang. Die Plattform besteht aus sechs separaten Chips. Ein Flaggschiff-Server soll 72 Grafikprozessoren und 36 neue Zentralprozessoren enthalten. Ergänzt wird das System durch eine neue Speichertechnologie namens "Context Memory Storage", die insbesondere bei langen KI-Dialogen für schnellere Antworten sorgen soll.
Nettogewinn stieg im 3. Quartal 2026 um 65 % gegenüber dem Vorjahr
Die wirtschaftlichen Kennzahlen liefern die finanzielle Basis für diese Expansionspläne. Im 3. Quartal des Geschäftsjahres 2026 erzielte NVIDIA einen Umsatz von 57,0 Mrd. USD. Im Jahresvergleich entspricht dies einem Zuwachs von 62 %. Der Nettogewinn stieg auf 31,9 Mrd. USD (+ 65 % gegenüber dem Vorjahresquartal).
Fazit
NVIDIA betrachtet den Markt für autonomes Fahren nicht als Experiment, sondern als gezielte Erweiterung seines KI-Geschäfts. Mit einer eigenen Robotaxi-Plattform und einer deutlich effizienteren Chipgeneration positioniert sich der Konzern frühzeitig in einem Markt, der vor dem Übergang von Pilotprojekten zur industriellen Anwendung steht. Autonomes Fahren wird für NVIDIA damit zu einem weiteren Hebel, um bestehende KI-Technologien in skalierbare, margenstarke Geschäftsmodelle zu überführen.






